Einer der Erfolgsgaranten:
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Windbräute

Das Kleine Fest im Großen Garten ist der begehrte Sommerklassiker im Großen Garten in Herrenhausen.

Einer der Erfolgsgaranten: Art Tremondo

Die “wandernden Windbräute“ haben sich auch für 2011 viel vorgenommen.

„Ich bin 365 Jahre alt“, sagt Steffanie Gätjens. Für diese bemerkenswerte Lebensspanne hat sich die Frau, die da höchst intensiv von ihren Aktivitäten erzählt und zwischendurch gern ein lautes Lachen hören lässt, sehr gut gehalten. Aber schließlich ist sie ja auch eine Elfe – wenn sie nicht gerade ein Pilz ist, eine Flamme, eine Außerirdische oder der Nordwind. Oder die Geschäftsführerin des Walk-Act-Theaters „Art Tremondo“. Das wird ab dem 13. Juli wieder das „Kleine Fest im Großen Garten“ bereichern, wo es nun schon lange Stammgast ist. Wieder einmal steht eine Premiere an: Das Publikum muss diesmal beim Flanieren damit rechnen, den „Windsbräuten“ zu begegnen, die in ihren fantasievollen Kostümen für Brisen aus allen vier Himmelsrichtungen stehen. „Den Nordwind gibt es schon seit einiger Zeit“, erläutert Gätjens, „und ich hatte die Idee, daraus ein Quartett zu machen.“ Jede der Figuren hat ihren eigenen Charakter: Der blau gewandete Norden steht für den Sturm, der orangefarbene Süden für Hitze, der grüne Westen für Frische, „und der Osten ist so eine Art Väterchen Frost“ – dies auch die einzige der vier Figuren, die von einem Mann gespielt werden kann. Was sie machen werden, steht noch nicht genau fest. Es entzieht sich bis zu einem gewissen Grad auch der Vorab-Planung, denn die Kostüme haben nach der festen Überzeugung ihrer Schöpferin ein Eigenleben: „Sie verlangen einen bestimmten Ausdruck. Bei unserer Libelle dachte ich zum Beispiel am Anfang, sie könnte auch mal ein paar Worte mit dem Glückskäfer wechseln, aber das ging einfach nicht. Wenn man sie spielt, wird ganz schnell klar, dass die Libelle sich nur über Geräusche verständigen kann.“ Das werden wohl auch die neu entwickelten Winde tun, die zudem – eine Spezialität von „Art Tremondo“ – über im Kostüm versteckte Aktivboxen Musik von sich geben sollen. Und vielleicht sogar duften: „Darüber denken wir im Moment nach“, meint Gätjens, der etwa für den hitzigen Süden ein Zitrus-Aroma vorschwebt. Gesprächiger sind da die Elfen und Feen aus dem „Art-Tremondo“-Angebot, auch die „Glückspilze“ mit ihren weiß gepunkteten Rothüten sind für ein kleines verbales Scharmützel zu haben. Ein bisschen Grusel kann die Drachin verbreiten, wenn sie von ihren Hungergefühlen erzählt, doch erschrecken oder gar belästigen sollen diese Figuren nie: „Wir wollen die Leute mit einem Lächeln zurücklassen“, beschreibt’s die Chefin. „Deswegen ist auch ganz wichtig, dass man weiß, wann Schluss sein muss. Wenn da einer erst mal denkt ‚Die Elfe soll verschwinden’, hat man verloren.“ Entsprechendes Fingerspitzengefühl müssen die acht freien Mitarbeiter also mitbringen. Gätjens erläutert weitere Voraussetzungen: „Eine Schauspielausbildung kann hilfreich sein, ist aber nicht zwingend notwendig. Wichtig sind vor allem die Fähigkeit zur Improvisation und die Bereitschaft, bis zu fünf Stunden in der Rolle zu bleiben.“ Zudem muss jeder Mitarbeiter auf Stelzen laufen können, da etliche der Figuren entsprechend angelegt sind. Bis zu einem gewissen Grad ist „Art Tremondo“ übrigens ein Familienunternehmen: Gätjens’ Lebensgefährte Stefan Werner ist ebenso mit von der Partie wie die gemeinsame Tochter Johanna, 19 Jahre alt und parallel als Sängerin der Gothic-Band „Symbiotic Systems“ unterwegs: „Sie sind gerade auf dem Weg zu einem Auftritt in Bremen“, merkt die stolze Mutter an, die zudem die Mehrsprachigkeit des Sprösslings preist: „Wir treten hauptsächlich in Deutschland auf, weil wir Wert auf die Kommunikation mit dem Publikum legen, und dann muss man die jeweilige Sprache auch wirklich beherrschen.“ Ein Ansatz, der „Art Tremondo“ von anderen Walk-Act-Bühnen unterscheidet, bei denen sich die Auftritte allein über die äußere Erscheinung definieren – also gerade das, was Steffanie Gätjens nie wollte: „Einfach nur da zu stehen und schön auszusehen, wäre mir zu wenig. Das würde ich persönlich nicht aushalten.“ Auf geradem Weg ist die Frau, die in ihrer menschlichen Inkarnation 45 Lenze zählt, nicht zu ihrer jetzigen Tätigkeit gekommen: „Ich stamme aus einer Familie von Friseuren, das reicht bei uns viele Generationen zurück. Also habe ich das auch zuerst gelernt, bin aber überhaupt nicht damit klar gekommen. Ich hatte aber vorher ein Berufsgrundbildungsjahr als Damenschneiderin gemacht, und das hat mir sehr gut gefallen.“ Ein wichtiger Schritt war dann die Begegnung mit dem inzwischen verstorbenen Künstlerpaar Hans-Ulrich und Hella Buchwald vom „Scharnier-Theater“, bestens bekannt für seine außergewöhnlichen Masken: „Als die erfuhren, dass ich schneidern kann, wurde ich gleich voll in alles eingebunden. Und in der Zeit habe ich sehr viel gelernt.“ Für alle, die phantasievolle Kostüme entwerfen, sind Besuche beim Karneval in Venedig fast schon Pflicht. So auch für Gätjens, die es indes irgendwann als unbefriedigend empfand, ihre Kreationen nur zu dieser einen Gelegenheit vorzuführen und dann wieder wegzupacken. So wurde sie Mitglied des „Theaters Mandragon“, um schließlich im Jahr 2000 zusammen mit zwei Kolleginnen „Art Tremondo“ zu gründen. Seit Anfang 2010 betreibt sie „Art Tremondo“ als Einzelkämpferin, wobei die Kombination ihrer Sternzeichen dabei nützlich sein kann, gesellt sich doch zum luftigen Wassermann im Aszendenten die eher geerdete Jungfrau. Gätjens erweckt im Gespräch jedenfalls durchaus den Eindruck, als würde sie über allen kreativen Höhenflügen nicht die nüchterneren Aspekte des Jobs vergessen: „Die Buchhaltung mach ich auch ganz gern.“ Inzwischen sind die Walk Acts von „Art Tremondo“ bei Hochzeiten, Messen, Galas oder Stadtfesten sehr gefragt. So dass sich Steffanie Gätjens vor anderthalb Jahren ein kleines Privatrefugium suchen wollte – allerdings nur bedingt mit Erfolg: „Wir haben jetzt einen Schrebergarten am Mittellandkanal. Aber da ist natürlich wunderbar Platz, um die Technik für die Auftritte zu bauen. Und bei Spaziergängen schon mal auszuprobieren, wie die neuen Kostüme auf die Leute wirken …“ Bildunterschrift : 1. Bis zu fünf Stunden dauert ein wandelnder Auftritt wie hier „Blaurauschen“ 2. …und Improvisation ist auch für eine Sommerelfe das A und O

Text: Jörg Worat, Bilder; Martina Werther, Nobilis, Juli/August 2011